29.03.2010

Letters of another me

Gewisse Leute müssen ja anscheinend träumen, um sich einfach so ganze Geschichten vorzustellen, bei mir liegt sowas jedoch an der Tagesordnung. Weil ich gerade Zeit hatte habe ich diese eine Geschichte mal aufgeschrieben.

Es sind Briefe, die ich von einer völlig fremden Person bekomme. Vielleicht bin ich auch die Autorin dieser Briefe. Sowas verliert sich in meinem Kopf immer ziemlich schnell. Und es ist der Beweis dafür, dass ich in meinem Kopf durchaus nicht nur Chrüsimüsi und Schabernack habe. Obwohl das schon überwiegt.
Ich fange mit dem ersten Brief an und höre mit dem letzten Brief auf.
Wenn ich mehr Zeit hätte, würden wahrscheinlich noch mehr Briefe aus meinem Kopf aufs Papier kommen. Hab ich aber nicht. Und später weiterzuschreiben hat keinen Sinn, weil dann der Zauber verloren wäre. Ausserdem schreibe ich nur einmal pro Jahr sowas kitschiges.
Lest es lieber schnell, bevor ich es wieder lösche!


04.05.2004
Ich bin von zu Hause abgehauen.
Einfach so. Hab meine wichtigsten Sachen in einen Rucksack geschmissen und bin losgelaufen.

Auf den Küchentisch habe ich einen Zettel gelegt. Habe darauf geschrieben, dass ich für unbestimmte Zeit weg bin und nicht weiss, ob ich überhaupt wieder komme. Sie sollen sich keine Sorgen machen.
Ich werde sie anrufen, sobald ich weit genug bin.




23.06.2004
Ich habe heute zu Hause angerufen. Nachdem ich vor 3 Wochen einen Brief geschickt hatte, in dem ich versucht habe zu erklären, weshalb ich ausgerissen bin.
Am Telefon waren alle ganz aufgelöst. Sie verstehen nicht, wieso ich gegangen bin. Sie sagen ich hätte doch alles gehabt. Eine Familie die mich liebt, Freunde auf die ich mich verlassen kann, eine abgeschlossene Ausbildung und gute Aussichten auf einen super Job.
Stimmt, hatte ich alles. Wahrscheinlich war genau das der Grund, wieso ich nochmal vollkommen neu Anfangen wollte. Alles haben ist langeilig. Ich will alles nochmal neu haben. Alles so aufbauen, wie ich es will.
Wie bei einem Computerspiel, welches man ein zweites Mal spielt und viel schneller ist, weil man die Fehler, die man beim ersten Mal gemacht hat nicht noch einmal macht.
Ich hätte nicht anrufen sollen, der Brief hätte gereicht. Ich kann ihnen die Fragen ja doch nicht beantworten. Es ist einfach so.


30.06.2004
Ständig auf Achse, von Ort zu Ort. Ich habe so viele schöne Dinge gesehen auf meiner Reise. So viele gute Menschen habe ich kennengelernt. Nur schon Deutschland.
Egal ob zu Fuss oder per Anhalter, ich bin nie alleine.
Ich habe alles aufgegeben, habe nichts. Ich habe von meinem Ersparten kaum etwas angerührt. Die Leute lassen mich bei ihnen übernachten, sie geben mir zu Essen, sie schenken mir ihre alten Kleider und lassen mich meine Wäsche bei Ihnen waschen. Und all das tun sie freiwillig, weil es ihnen irgendwie gut tut. Meine einzige Bezahlung ist meine Gesellschaft und die Geschichten, die ich erzählen kann. Manchmal packe ich auch mit an, wenn es irgendwas zu erledigen gibt. Wenn man aus freien Stücken Geld für jemand anderen ausgibt, um ihm damit zu helfen, fühlt sich das viel besser an als wenn man sich selber etwas kauft, erzählen mir viele.
Ich habe sowieso jegliche Relation zu Geld verloren. Keine Miete, keine Krankenkasse, keine Rechnungen. Ich fühle mich so frei wie noch nie und bin doch abhängiger als jemals zuvor. Was kommen mag soll kommen, ich bin bereit.
Jetzt wo ich mich von allem befreit habe kann ich wieder anfangen etwas aufzubauen.


17.02.2006
Ich arbeite jetzt bei Katrin an der Tankstelle. Eigentlich sollte sie nur ein kleiner Zwischenstopp auf meiner Reise sein, doch irgendwas hält mich in diesem Ort gefangen. Vielleicht sind es die Häuser mit ihren kleinen schwarzen Schieferplatten, vielleicht die Wälder mit ihren Bächen und kleinen Seen. Vielleicht aber auch nur der Zufall, dass die erste Person, die ich nach einem Job gefragt habe mir gleich einen geben konnte. Ich wohne weiterhin bei ihr, zahle jetzt aber Miete. Angemeldet habe ich mich hier auch, sonst dürfte ich ja nicht arbeiten.
Katrin findet die ganze Bürokratie total stressig und mühsam, mir ist es gleichgültig.
Die Tankstelle ist der ideale Ort, um langsam wieder sesshaft zu werden. Ich sehe täglich Reisende und kann sie nach ihren Geschichten fragen. Mittlerweile verstehe ich die Leute etwas besser, die mich während meiner Reise bei sich aufgenommen haben. Die wahren Geschichten anderer lassen sich mit Geld nicht bezahlen.
Ich werde nicht ewig hier bleiben, aber es ist gut für den Moment.




19.11.2007
Natascha hat Filzläuse, man das ist so ekelhaft. Das sieht aus als hätte sie kleine Kackhaufen von Minitieren auf der Muschi! Wenn die Tussi nur einmal in meinem Bett pennt oder ich einen ihrer Kunden übernehmen muss kotz ich ihr ins Frühstück.
Der Job an der Tanke ging gut und mit Katrin war auch alles top. Nur irgendwann bin ich dann auf einem Berg voll Schulden aufgewacht.
Ich bin getürmt. Noch am selben Tag.
Von der Tankstelle aus hat mich Peter mitgenommen. Er hat mir den Job hier angeboten. Mein Wunsch war es zwar nicht, als Prostituierte zu arbeiten, aber so konnte ich wenigstens innert kurzer Zeit meine Schulden abbezahlen.
Ich trau mich nicht, mich bei Katrin zu melden.
Die Mädels hier sind echt süss und das Leben in einer Stadt hat mir irgendwie auch gefehlt.




03.12.2007
Gestern habe ich Katrin angerufen.
Meine Eltern waren da. Sie haben durch irgendeinen Zufall mitbekommen, dass ich an der Tankstelle arbeite. Wahrscheinlich habe ich mit einem meiner Verwandten oder Freund meiner Eltern geredet ohne es zu merken. Sie sind extra 6 Stunden gefahren um dann zu erfahren, dass ich weg bin.
Ich bin froh, habe ich Katrin nicht früher angerufen.
Ich schäme mich nicht für meinen jetzigen Beruf. Aber mein Vater hätte sich geschämt. Für eine Tochter die er eigentlich gar nicht mehr hat.
Katrin versteht mich zwar auch nicht, aber sie stellt keine Fragen. Sie ist glücklich, dass es mir gut geht und dankbar, dass ich meine Schulden bei ihr abbezahlt habe.
Was ich mache und wo ich bin habe ich ihr vorsichtshalber auch nicht erzählt, aber sie hat jetzt meine Nummer.




21.04.2008
Mein Vater ist vor drei Wochen bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Katrin hat es mir erzählt.
Ich wäre zur Beerdigung eingeladen gewesen, aber ich wollte nicht hingehen. Ich wollte meinen Vater so in Erinnerung behalten, wie er war und nicht wie ihn mir die anderen an seiner Beerdigung geschildert hätten.
Ausserdem hätte sich wahrscheinlich eh alles nur um mich gedreht. Auf einer Beerdigung soll man der Toten gedenken und nicht die Lebenden mit Fragen löchern.
Ich habe mir wieder meinen Rucksack geschnappt und bin losgelaufen. Ich hatte schon beinahe vergessen, wie gut es sich beim gehen nachdenken lässt.




18.06.2008
Ich habe Krebs.
Es wäre mir wohl nicht so schnell aufgefallen wäre, wenn ich nicht die ganze Zeit zu Fuss unterwegs gewesen wäre. Man stellt anscheinend viel schneller fest, dass dem Körper etwas fehlt, wenn man ihn Tag für Tag fordert hat mir eine der Schwestern gesagt.
Ich muss nun eine Chemo machen.
Ich habe mich bei einem der Schwesternhäuser eingemietet, für die Zeit wo ich grad nicht im Krankenhaus sein muss. Glücklicherweise habe ich während meiner letzten Reise alle laufenden Versicherungen und Krankenkassen weiter mit meinem Ersparten bezahlt.
Die Ärzte meinen ich hätte gute Chancen wieder auf die Beine zu kommen aber ich glaube ihnen nicht.
Das ist wohl der Preis, den ich dafür zahlen muss so viele Menschen verletzt zu haben. Ich habe bereits Briefe aufgesetzt, die eine befreundete Schwester losschickt wenn ich gestorben bin. Auch einen für dich.




14.03.2009
Das schlimmste habe ich überstanden.
Ich wohne immer noch in der gleichen Wohnung. Die Vermietung drückt ein Auge zu, weil die Schwestern eigentlich die einzigen Freunde sind, die ich hier in der Stadt habe. Ausserdem bin ich gerne in der Nähe des Krankenhauses. Früher hatte ich Angst vor solchen Einrichtungen. Heute ist es eine Genugtuung, neben einem Krankenhaus wohnen zu können ohne irgendwelches Unwohlsein zu verspüren.
Ich arbeite auch wieder. Diesmal im Büro einer Autowerkstadt.




29.03.2010
Ich bin glücklich.
Wirklich glücklich. Ich habe einen Menschen an meiner Seite, den ich über alles liebe. Kennengelernt habe ich ihn gleich das erste Mal, als ich in der Stadt war. Er war zu Beginn mein behandelnder Arzt.
Wiedergesehen habe ich Matthias dann auf einer Party im Schwesternheim letzten Frühling. Ich wohne jetzt bei ihm und seinen Eltern.
Seine Eltern haben sich letztens ein Haus auf den Malediven gekauft, wo sie wahrscheinlich noch diesen Sommer endgültig hinziehen. Dann haben wir das Haus für uns.
Wobei man sich in diesem Haus sogar einsam fühlen kann, wenn 12 anderen Leute herum wuseln, so gross ist es.


Ich habe wieder angefangen, Kontakt zu meinen Zurückgelassenen in der Schweiz aufzunehmen. Manche wollen nichts mehr von mir wissen, was ich nur zu gut verstehen kann, andere erzählen mir von ihrer Suche nach mir.
Meine Mutter und meine Schwester werden mich in zwei Monaten hier besuchen. Obwohl ich mich sehr freue, sie zu sehen habe ich etwas Angst vor den Fragen, die sie mir unweigerlich stellen werden. Besser gesagt ich habe Angst vor ihren Reaktionen auf meine Antworten.


Vielleicht werde ich auch mal wieder in meine Heimat reisen, aber das ist steht noch nicht konkret in Planung.
Das erste Mal in meinem Leben fühle ich nicht diese innere Unruhe. Ich habe nicht das Gefühl, irgendwann weiterziehen zu müssen.


Es ist Lustig, ich führe ein Leben, von dem nie geträumt habe. Ich bin losgezogen um mein Leben selber neu zu erbauen und habe die Kontrolle dadurch völlig verloren. Wirklich viel zu meinem jetzigen Glück habe ich schliesslich nicht beigetragen.
Durch mein Losziehen habe ich das Schicksal die Karten lediglich neu mischen lassen.
Ich könnte genauso gut in der Gosse leben, oder tot sein.


Man kann sich zwar ein neues Leben an einem anderen Ort aufbauen, aber planen kann man es unmöglich.

Ich danke dir, für das lesen meiner Briefe und wünsche dir von Herzen alles Gute. Wenn du einmal vorbei kommen möchtest, tu das. Du bist herzlich eingeladen.
Denn obwohl du mich gar nicht kennst, kennst du mich wahrscheinlich besser als jeder andere Mensch.
Ich kann meiner Familie und meinen Freunden zwar die Geschichten von damals erzählen, aber wie ich mich zu der Zeit gefühlt habe, weisst du vielleicht sogar besser als ich.
Meine Adresse findest du auf der Rückseite des Umschlages.


Gib deine Liebe jedem den du triffst, denn sie ist unerschöpflich.


Auch in meinem Kopf herrsch gewurste.

1 Kommentar:

  1. Genau so ist es und wer das nicht kennt, hat auch nicht wirklich gelebt. Die erste Lektion die ich gelernt habe: Es kommt 1. immer alles anders und 2. als man denkt! Da Planung nichts nützt, kann man es ja gleich sein lassen... irgendwie...

    AntwortenLöschen